Leserzuschrift von Heribert Sitter

Sehr geehrte Frau Stottmeyer!

Mit voller Nicht- Zustimmung und Ablehnung habe ich ihren gestrigen Leitartikel „Neutralität darf Österreich nicht naiv machen“ gelesen.
Ihre an die Gefühle der Leserschaft gerichtete Botschaft lautet: „Österreich steht in den heutigen Kriegszeiten da wie ein naiver dummer Bub, der international verlacht und zu kurz kommen wird.“ Das Österreich, das sich an seine verfassungsmäßige Neutralität, an Gesetze und Verträge und an die Menschenrechte hält, ist naiv und dumm. Österreich lässt wieder einmal anderen den Vortritt. Wieder einmal? Woran denken sie? Leider wieder einmal nicht in vorderster Front beim Kriegsführen? Dazu sei gesagt, dass Österreich in beiden Weltkriegen an vorderster Front gekämpft und gemordet hat, wir sind also nicht immer zu kurz gekommen. Leider!
Ihre propagandistische Botschaft ist klug gestaltet: dumm und naiv will niemand sein, und zu kurz kommen schon gar nicht.

In ihrer wirtschaftspolitischen Botschaft verwenden Sie dann selbst so eine Art von Neutralität, zwischen einer Wirtschaft, die dem Leben, dem Menschen dient, und einer Wirtschaft, die Todesmittel, Kriegsmittel, Mittel zur Zerstörung von Menschen und Kulturen herstellt.
Bei der Produktion von Todesmitteln/ Kriegsgerät von „Wertschöpfung“ zu sprechen ist mehr als zynisch, aber für sie ist das alles neutral. Wie es VW in Deutschland vormacht, das sich vom Verbrenner- Aus nicht nach unten ziehen lässt, sondern ohne Umstände die zivile Autoproduktion durch die Produktion von Kriegsgerät ersetzt, so muss es doch Österreichs Wirtschaft auch können. Ohne unzeitgemäße gesetzliche Beschränkungen Kriegsgerät herstellen und exportieren, wo immer sich Käufer finden. Womit man Gewinn erzielt ist schließlich egal. Sonst fliegt Österreich in die Luft! Bauz! Perdauz!

(Wahrscheinlich beginnen sie bald mit dem Schreiben von Kriegs- Kinderbüchern, bei ihrer Kreativität).

So betreibt man Kriegspropaganda. Aber entspricht das der Linie der „Presse“?

Dr. Heribert Sitter